Knieexartikulation: Warum ist sie immer noch verpönt?
Die außerordentliche Statistik des wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO) aus dem Jahre 2001 zeigt eine Amputationshäufigkeit von 44.252 Amputationen an den unteren Extremitäten. Im Jahre 2001 waren 70,5 Mio. Deutsche GKV-versichert; bei den Ortskrankenkassen sind es lediglich 38,0 Mio. Interpoliert man diese Zahlen, so kommt man auf eine Amputationshäufigkeit von 116.452 Personen im Jahre 2001 – eine erschreckend hohe Anzahl. Nach einer Studie von WETZ sind 64% der Amputierten älter als 65 Jahre; bei 68,6% dieser Patienten wird ein Diabetes mellitus in der Anamnese beschrieben.
Sucht man in der Literatur unter dem Begriff ”Knieexartikulation”, so findet man: ”nicht üblich”, ”nicht gebräuchlich” und ”uncommon”. Untersucht man Statistiken, so findet man im WIdO (2002) eine Häufigkeit von 0,59%, in Orthopedics and Prothesis (oandp 2002) die Angabe von 1-2%. Im rehabilitierten Patientengut der Baumrainklinik in den Jahren 2007 und 2008 findet man dagegen eine Anzahl von 7,3%. Bahnt sich hier ein Wandel an?
Auf dem Kongress der DGOOC 2006 in Berlin beanstandete W. MUTSCHLER (München): Amputationen werden zu häufig als einfache Operationen angesehen und sie werden vielfach auch unerfahrenen Operateuren überlassen. Regelmäßige Probleme nach Amputationen sind Wundheilungsstörungen sowie neue Ulzerationen und orthopädietechnische Probleme.
Die Geschichte der Amputation im Bereich der unteren Extremitäten geht aus der Kriegschirurgie hervor und wird seit vielen hunderten von Jahren praktiziert. Die Knieexartikulation wird nur selten erwähnt und nimmt nach der Äußerung des Chirurgen zur VERTH (1923) einen schicksalhaften Verlauf. Der Knieexartikulationsstumpf kam in Verruf und scheint es noch bis heute bei den Chirurgen zu sein.
Es ist der Begeisterung und dem nimmermüden Einsatz von BAUMGARTNER zu verdanken, dass er nach dem Kennenlernen des Orthopäden FULFORD auf einem Seminar im Jahre 1967 sich für eine Amputation im Kniegelenk einsetzte. BAUMGARTNER führte als Oberarzt an der Universitätsklinik Genf eine Sprechstunde für Amputierte ein; dabei wurden orthopädietechnische Versorgungen durchgeführt. Es zeigte sich aber, dass die Prothesen für im Kniegelenk exartikulierte Patienten weder funktionell noch ästhetisch befriedigend waren, da das Prothesenbein immer eine deutliche Überlänge, besonders in der sitzenden Position, gegenüber dem anderen Bein aufzeigte. Erst 1970 gelang es BOTTA, einen Konstrukteur der Firma Otto Bock zur Entwicklung eines neuen, leichteren und sperrbaren Vierachsgelenkes zu bewegen. Dieses vierachsige Kniegelenk kommt bis zum heutigen Tag im Prinzip unverändert zur Anwendung. Ebenso ist es BAUMGARTNER, der sich bis zum heutigen Tag unermüdlich und vehement für die Exartikulation im Kniegelenk als einer nahezu ”anatomischen Amputationshöhe” einsetzt. Sein Diktum, dass eine ”Knieexartikulation unendlich viel besser ist als jeder Oberschenkelstumpf”, sollte eine weite Verbreitung finden und wieder vermehrt die chirurgische Sicht auf die Knieexartikulation lenken. Denn mit dieser Amputationshöhe kann vielen Patienten eine hohe Lebensqualität erhalten und zurückgegeben werden. Einem Behinderten mit einer Knieexartikulation ist eine deutlich bessere Teilhabe am Sozialleben und am Arbeitsleben gegeben, auch eine sportliche Betätigung bis hin zu Wettkämpfen ist möglich – zeigt sich doch bei den Paralympics, dass die Knieexartikulierten die meisten Medaillen gewinnen konnten.
Deshalb ist es wichtig, immer wieder zu betonen, dass das Ziel unseres ärztlichen Bemühens die Prävention von Erkrankungen, das Verhindern von Nebenerkrankungen, das Vermeiden von Verletzungen, das Abwenden von Infektionen, die Rekonstruktion statt Amputation und im Besonderen die Wiederherstellung einer zufriedenstellenden Lebensqualität sein sollte.
Die Herausgeber der Zeitschrift MOT geben dem Editor die unschätzbare Gelegenheit, die hervorragenden wissenschaftlichen Referate zu veröffentlichen und damit der Knieexartikulation wiederholt eine ihr gebührende Anerkennung in den chirurgischen Fächern zu verschaffen.
Editor: Dr. Ralf-Achim Grünther, Bad Berleburg
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